Wir sind die Wirtschaft, die Politik, die Kultur!
Von Ulrich Rösch
So schreibt der Philosoph Hans Saner anlässlich der Finanzkrise in der Basler Zeitung. Die Finanzkrise sei die Chance wieder zur Besinnung zu kommen und darüber nachzudenken was uns eigentlich wichtig ist.
Er macht deutlich, dass wir es uns gar nicht vorstellen können, wenn der schweizer Staat der UBS eine Unterstützung von 68 Milliarden Franken zukommen lässt. Verteilt auf die Weltbevölkerung bedeutet das pro Kopf gerade mal 10 Franken. Der Basler Mathematiker Francois Fricker rechnet uns vor. Auf eine Milliarde Franken kommt man dann, wenn man 20 Jahre lang an jedem Sonntag im Lotto eine Million Franken gewinnen würde. Bei 68 Milliarden dauert das 68 mal 20 Jahre, das macht 1360 Jahre. Hätte man dieses groteske Glücksspiel mit der Gründung der Eidgenossenschaft begonnen, also vor etwa 720 Jahren, so würde es jetzt noch 640 Jahre dauern. Es wird eigentlich alles so, dass ein normaler Mensch es sich nicht mehr vorstellen kann – es wird absurd.
Mit der Banken- und Finanzkrise ist der Nerv unserer Gesellschaft getroffen. Unser gesellschaftliches Leben ist bestimmt von den Geldverhältnissen. Zunächst war das soziale Leben ganz an die Landwirtschaft gebunden und somit sehr real. Im Mittelalter hat sich das Handwerk immer weiter entwickelt, wurde dann zur Manufaktur und in einem nächsten gewaltigen Schritt zum Industrieunternehmen. Die direkten Beziehungen der Menschen zueinander wurden immer fremder.
Jetzt, da wir in einer postindustriellen Welt leben wird alles noch abstrakter, ja sogar irreal. Man nennt das heute virtuell. Die Menschen können nicht mehr damit umgehen. Deshalb spannt man die Computer ein. Eine virtuelle Realität entsteht, von der sich der Mensch völlig abhängig macht.
Horst Köhler, der deutsche Bundespräsident erklärte: „Die Finanzmärkte sind zu einem Monster geworden… Die Finanzwelt hat sich mächtig blamiert…“ Selbst die Experten zeigen, dass sie diese Vorgänge nicht mehr beherrschen. Die Mechanismen fangen an die Menschen zu versklaven. Es ist wie mit dem Zauberlehrling, dessen Werkzeug unkontrollierbar wurde. „Ach! Nun wird mir immer bänger! Welche Miene! Welche Blicke! Oh du Ausgeburt der Hölle!… Die ich rief die Geister, werd’ ich nun nicht los…“ (Goethe, Der Zauberlehrling)
Wo aber sind die Meister, die uns aus dieser verzweifelten Lage befreien könnten? Es wäre zunächst eine Wissenschaft, die sich so diesen Phänomenen annehmen würde, dass sie zu einer Wirklichkeitserkenntnis käme. Mit abstrakten Theorien lässt sich nichts ändern. Der Blick auf die Wirklichkeit tut not. Das Geld als Lebensstrom der Wirtschaft muss aus erkennenden Leitungsgremien gelenkt werden. Dabei übernimmt der Geldkreislauf die stimulierende und harmonisierende Wirkung des menschlichen Blutkreislaufes in der Wirtschaftsgesellschaft. Das wird aber immer dann schief gehen, wenn man noch an eine zentral gelenkte Wirtschaft denkt –das hängt eng mit dem heute noch geltenden Missverständnis zusammen, dass das Herz – und somit das zentrale Bankensystem eine pumpende Wirkung habe.
In einem modernen Verständnis strömt das Geld wie aus einer Eigendynamik an die Orte, an denen im Dienste eines realen menschlichen Bedarfs produziert wird. Aus der Selbstverwaltung der wirtschaftlichen Assoziationen muss das Geld so gelenkt werden, dass es dahin fließt, wo Menschen mit ihren Fähigkeiten gemeinschaftlich sinnvoll produzieren. Diese Assoziationen haben auf der einen Seite die Aufgabe, sorgfältig wahrzunehmen, wo unbefriedigter Bedarf der Menschen ist, auf der anderen Seite wo Fähigkeiten der Menschen für die Produktion zur Verfügung stehen. Dann wird ein Bankensystem dafür sorgen können und müssen, dass die notwendigen finanziellen Mittel auch dahin fließen, wo sie gerade notwendig sind. Nicht Macht- oder Profitstreben kann die Orientierung abgeben sondern die objektiven sozialen Notwendigkeiten. „Objektiver Gemeinsinn“ nannte das Rudolf Steiner.
Der große Künstler und Sozialaktivist Joseph Beuys hat einmal in einem Gespräch mit zwei Bankern, Johann Philipp von Bethmann, Prof. Werner Ehrlicher und dem Wirtschaftswissenschaftler Prof. Hans Binswanger in künstlerisch präziser Weise den modernen Geldbegriff geschildert: „…, dass das Geld aus seinem Charakter, den es in der Gegenwart ausübt die Macht die es ausübt, die Macht die es ausübt dadurch, dass es im Wirtschaftszusammenhang ein Bestandteil des Wirtschaftslebens geworden ist und Ware geblieben ist, befreit wird von diesem Warencharakter und zu einem Rechtsregulativ werden muss… Indem Menschen dieses mehr und mehr erkennen,…dass es ein Rechtdokument wird, für alle kreativen Prozesse der menschlichen Arbeit…“. (Was ist Geld? Eine Podiumsdiskussion 1984, FIU-Verlag, Neuauflage Ende 2008) Das meint aber, dass das Geld immer eine Beziehung zu den wirtschaftlichen Werten haben muss, zu den Fähigkeiten der in der Produktion Tätigen oder zu den erzeugten Waren und Dienstleistungen, die im Wirtschaftskreislauf zirkulieren. Für einen geordneten, organischen Kreislauf haben die aus Freiheit gestalteten Assoziationen und die mit ihnen verbundenen Banken Sorge zu tragen.
Nur eine solche assoziative Wirtschaft, die dem Freiheitsimpuls des modernen Menschen bezüglich der Anwendung seiner individuellen Fähigkeiten genauso gerecht wird, wie einer gemeinschaftlichen, solidarischen Produktionsweise, die einer modernen postindustriellen Ökonomie entspricht. Und die heutige arbeitsteilige Fremdversorgung ist so entwickelt, dass sie eigentlich genügend produzieren kann, dass alle Menschen auf der Welt ausreichend versorgt werden können.
Es ist ein Skandal, dass heute die Staaten Milliarden Dollars zum Stopfen der Löcher einer desolaten Finanzwirtschaft aufwenden, während auf der anderen Seite noch täglich Tausende von Menschen an Hunger sterben. Trotz wachsenden Reichtums sind heute noch fast eine Milliarde Menschen unterernährt – es gibt mehr Hungernde als je zuvor! Der Schweizer Jean Ziegler, viele Jahre im Auftrag der UN unterwegs an den Brennpunkten des Hungers der Welt: „Dabei wissen heute alle, dass die Erde doppelt so viele Menschen ernähren kann, wie auf ihr leben. Der Hungertod ist kein Schicksal. Ein Kind das an Hunger stirbt wird ermordet. Letztes Jahr sind sechs Millionen Kinder unter zehn Jahren an Hunger gestorben…“ (Jean Ziegler, Das Imperium der Schande)
Es gibt aber auch schon mehr und mehr Ansätze zu einer solidarischen Wirtschaft. Mehr im Stillen keimen überall Modelle solidarischer Ökonomie: in Brasilien, „Peoples Economy“in Afrika oder das Maikaal Projekt für biologisch-dynamischen Baumwollanbau in Zentralindien. Viele dieser Projekte werden unterstützt durch ein alternatives Bankwesen, (Vgl. Bankspiegel Ausgabe 3+4/2008 mit <extra> Finanzmarktkrise: Neue Aufgaben für Banken und Kunden)
„Wir sind die Wirtschaft“, wir sind die Kunden, die Verbraucher. Letztendlich bestimmen wir, welche Waren wir kaufen und damit welche Waren produziert werden und wie die Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Produzenten sind und welche Banken durch uns unterstützt werden. Wann wacht der Verbraucher in seiner großen Verantwortung auf?
Ulrich Rösch, 11.11.2008
(leicht gekürzt in „Das Goetheanum“ Nr. 46 08)
Montag, 17. November 2008 15:08
Genau wie zuletzt vermutet greift die Regierung in Peking der Wirtschaft unter die Arme: China gab gerade ein Mega-Konjunktur-Programm in Höhe von $586 Milliarden bekannt. Damit sollen die Investitionen im Inland voran getrieben werden, dies wird auch unsere Aktien bei China Strategy anschieben.
Mega-Konjunktur-Programm
Die große Abkoppelung
Die Chancen stehen somit nicht schlecht, dass wir in den kommenden beiden Jahren Zeuge der lange ersehnten Abkoppelung Chinas von den Weltmärkten miterleben.
http://www.sharewise.com/news_articles/2067-China-Konjunktur-Programm
Gruß Daniel
Montag, 17. November 2008 21:26
Es tut mir sehr leid, wenn ich hier konstatieren muss – und ich bitte aufrichtig, dies nicht als grob oder unhöflich zu verstehen - dass uns diese Form von Artikeln in keiner Weise weiterbringen wird. Im Resümieren des bereits Bekannten kann keine Lösung gefunden werden.
Sätze wie … “Es ist ein Skandal, dass heute die Staaten Milliarden Dollars zum Stopfen der Löcher einer desolaten Finanzwirtschaft aufwenden, während auf der anderen Seite noch täglich Tausende von Menschen an Hunger sterben.” … zeigen nur, dass die Denkrichtung am Problem vorbei geht.
Es muss verstanden werden, dass Staaten gar nicht in der Lage sind “Milliarden aufzuwenden”, da sie diese Milliarden nicht haben. Auch die Banken haben die Milliarden nicht, wie die Bankenkrise so schön verdeutlicht. Denn sonst gäbe es gar keine Krise.
Was ist also passiert? Das „aufgewendete“ Geld ist aus dem Nichts und völlig neu entstanden. Neu „gemacht“ worden. Auf Knopfdruck. Ohne irgendeine Leistung durch irgendwen.
Warum? Damit das Bankensystem, so wie es heute ist, überleben kann. Und selbstverständlich wird dieses Geld, das ohne Gegenleistung “gemacht” wurde, dazu verwendet, Zahlungen zu leisten. Und mit diesen Zahlungen werden Waren und Dienstleistungen gekauft. Diese sind aber nicht “so mühelos leicht, per Knopfdruck” herstellbar. Fazit: die Preise der Waren und Dienstleistungen werden genau so weit ansteigen, bis die neuen Rechtsdokumente wieder dem nahezu unveränderten Waren und Dienstleistungsangebot entsprechen.
Und wo liegt der Vorteil? Diejenigen, die die Rechtsdokumente als erste in den Händen halten - und das sind diejenigen die sie machen - können noch etwas dafür kaufen, während die Allgemeinheit genau um diesen Betrag verarmt. Das ist, stark vereinfacht, der gesamte Prozess.
Das kann man Betrug, Raubrittertum, Kapitalismus, Zivilisations-Kolonialismus oder wie auch immer nennen. Im Kern zeigt es, dass es unmöglich ist, die Wirtschaftskreisläufe durch eine Machtelite (Staat, Banken) zu lenken. Das ist naiv.
Die Vorstellung also … “Das Geld als Lebensstrom der Wirtschaft muss aus erkennenden Leitungsgremien gelenkt werden” … ist per se zum Scheitern verurteilt. Denn warum soll ein Gremium immer besser sein, als die Individuen es selber sind? Die menschliche Erfahrung lehrt das Gegenteil.
Wir müssen uns also vielmehr die Frage stellen: Wie muss die Schöpfung von Geld - also das Erzeugen von Rechtsdokumenten - praktisch von statten gehen, so dass diese Korruption und die damit verbundenen Machteliten verhindert werden?
Und da gibt es eigentlich nur einen logischen Ansatzpunkt: Das Geld muss auf der Ebene des Individuums geschöpft werden! Nicht zentral, institutionalisiert, sonder lokal, dezentral, individuell. Der Zugang zur Geldschöpfung muss jedem individuell jederzeit offen stehen. Jeder muss - in einem geeigneten juristischen Rahmen, selbstverständlich - diese Rechtsdokumente erzeugen dürfen. Und das Korrektiv, die Grenzen dieser Tätigkeit, wird nur ein dafür einzurichtender Markt liefern können.
Die Betrachtung und Analyse der Historie des Geldes zeigt ganz klar zwei Ergebnisse:
1) Immer dann, wenn der Staat oder Machteliten sich der Geldherstellung bemächtigt haben, kommt es zur Inflation und zur Verarmung der Bevölkerung
2) Immer dann, wenn die Geldherstellung in Händen der Privaten lag und im Umfeld einer vollständigen Konkurrenz stattfand (z.B. private Münzen im Mittelalter), entstand Wohlstand für nahezu alle Bevölkerungsteile und ein echter Wirtschaftsaufschwung setzte ein.
Aus diesen Befunden muss eine Leitlinie, ein Modell zur privaten Geldschöpfung auf individueller Ebene geschaffen werden. Nichts weniger möchte ich hier als Aufgabe stellen. Ich hoffe auf Vorschläge und fruchtbare Beiträge.
Herzlichen Gruß
Tilmann Krumrey
Donnerstag, 20. November 2008 18:29
@ Tilmann Krumrey
meiner Wahrnehmung nach,und das sage ich nur aus meiner Perspektive nach jahrzehntelangem Erlebens meiner Berufswelt als Architekt via des ‘Bauwesens’,sind und bleiben mir Ihre Betrachtungen + Analysen gleich welcher Historie um des Geldes wegen,zu theoretisch,
wenn nicht gar zu ‘aktuell/weltfremd’.
Glauben Sie mir bitte unverändert,daß mein Herz für auch Sie und ohnehin für diese ‘BLOG-Initiative’schlägt!
Doch kann+werde ich nicht >bleiben< können,
sofern ‘Aufgaben’ wie Ihre aus nur Ihrer Sicht an auch meine Person gestellt werden.
Die Komplexität der GLOBALEN KRISE,in der sich
eskalierend die Bedingungen der ‘Zivilisation’
negativ befinden,erlaubt meiner Überzeugung nach nicht mehr den alleinigen Rückzug auf das
Benennen der ‘Geldschöpfung’.
Mir bleibt unverändert zu ausgeblendet,daß sich global das Verhalten der NATUR im Sinne
eskalierend klimatischen Wandels gegen alles
materielle Ansinnen des Menschen verhält.
Im Sinne Ihrer Aufgabe hiesse das für mich via Zukunft mehr denn je wie folgt:
schnellst-zukünftiger VERZICHT auf sämtliche
bisherigen Privat-/Freizeit-Genüsse/Urlaub per PKW/Jet’s vor allem weltweit.
Wir wissen dagegen derzeit dramatisch allein genug,wie die ‘Auto-Industrie’ in sich bricht.
Aber wer bringt das allein überhaupt den ‘konsum-gewöhnten Menschen’bei ; zu VERZICHTEN?
Glauben Sie - jene Unsummen - hätten bislang je über ihre ‘private Geldschöpfung’ intelligent reflektiert oder nachdenklich befunden ?
Dies - mit Verlaub - bleibt mir das wesentliche
Moment aller bleibenden Zweifel.
Samstag, 22. November 2008 16:55
Ergänzend (auch in Bezug auf U.Rösch),erachte ich gestrige ‘Brandrede’ zur Eröffnung des “European Banking Congress 2008″ von B-Präsident H.Köhler als durchaus bedenkenswert.
http://www.bundespraesident.de
Sprach er doch den anwesenden ‘Bankiers’ als
hauptverantwortliche Verwalter des Geldes mahnend ins Gewissen,sich ihrer usprünglichen,
traditionellen Funktion neu zu besinnen.
Noch vor einem Jahr wären solch deutliche Worte nicht ahnbar gewesen !
Im inhaltlichen Kontext zur hier hoffentlich einig bleibenden Blog-Initiative,halte ich es
fortan für durchaus motivierend und sinnvoll,
im weiteren Diskurs,einen Bezug auch hierauf zu beachten.